Ist es richtig, wie viele im Jahr 2017 anfangen zu behaupten: beim Menschen gibt es keine Schwarmintelligenz, sondern vielmehr eine Schwarmdummheit? Dann wäre die Demokratie wohl bei wachsender Anzahl Beteiligter zu keinen intelligenten Resultaten mehr fähig. Je mehr, je dümmer. Je dümmer, je weniger zu intelligenten lebenswichtigen Handlungen fähig. Schlechte Entscheidungen führen über kurz oder lang meistens zum frühzeitigen Tod.

Dieser schleichende Selbstmord wäre die logische Ableitung aus dem Bestimmungsrecht der in der Masse als dumm betrachteten Beteiligten, sich Ihre Vertretung zu wählen, sich Ihre „Politik“ auszusuchen. Jeder will sich vertreten fühlen. Nun war und ist Politik immer eine Interessenvertretung – das ist richtig und wichtig – sie war aber auch auf einem notwendigen Konsens aufgebaut, diese Interessen abzuwägen und zu bündeln. Schon dieser Prozess machte es zunehmend schwerer, eine Politik der Irrationalität oder des Infantilen, der Verrohung und des Inhumanen zu fahren. In der Auseinandersetzung durch die zu diesem Abwäge- und Bündelungsprozess Berufenen, wurden Argumente und Forderungen auf deren Tragfähigkeit geprüft. Es wurden nicht nur gefühlte Wahrnehmungen auf den Tisch gebracht, sondern deren Kontext, Ursachen und Folgen berücksichtig. Dazu gehört Mut und eine auf Verstehen beruhende Befähigung, welches nur durch entsprechende Erfahrung und Ausbildung erreicht werden kann. Es gehört aber vor allem auch eine Kompromissbereitschaft dazu. Nicht alle haben diese. War es also gerade dieses politisch „Elitäre“, welches die Grundlagen moderner Gesellschaften, wie bei einem perpetuum Mobile, selbstreferentiell am Leben hielten? Können nur Menschen, die sich mit Politik intensiv auseinandersetzen, welche die intellektuelle Befähigung zur Einordnung von nationalen und globalen Situationen und Bedürfnissen haben, gute Entscheidungen treffen? Kann nur diese, von vielen als undemokratisch verstandene Vorselektion nach Rationalität und Konformität mit Normen, Rechten und dem Schutzauftrag – auch für Minderheiten – eine intelligente Politik hervorbringen? Ist dies ein elitärer abgegrenzter Zirkel von Menschen, der getrennt vom Rest der Bevölkerung zu sehen ist? Hat die „gute“ Demokratie gar die Notwendigkeit, die schwarmdummen Massen von Teilen des Entscheidungsprozesses auszuschliessen?

Nein, Demokratie wird durch viele ihrer Nutzniesser oft missverstanden. Demokratie schliesst nur die Untätigen aus, denn: Es gibt keine Wohnzimmerdemokratie. Jeder darf mitmachen, mitentscheiden. Der Einzelne darf mitgestalten, mitarbeiten. Jeder, nach seiner Befähigung, welche er sich in einem demokratischen Staat aneignen darf / dürfen sollte / sollen wollte.

Viele Bürger und Wähler (und vor allem auch Nichtwähler) verstehen unter einer funktionierenden Demokratie oft einen Staatsapparat, der dafür zu sorgen hat, dass des Bürger’s Meinung und Interesse erspürt, verstanden und bereitet wird. Dieser Staat hat dafür zu sorgen, dass Wasser, Straße, Recht und gutes Wetter auf Abruf bereit stehen – er soll bloss nichts einfordern, denn ich zahlen ja schon (zuviel) Steuern. Auseinandersetzung mit komplexen Themen sind nicht Aufgabe der Regierung – sie soll diese Themen am Besten verhindern und die Fragen ausweisen. Alles Komplexe, wie demographische Veränderungen sind zu verbieten. Ich möchte zumindest nicht davon behelligt werden. Das Unbekannte will ich nur im Urlaub erleben – ich habe bis heute nicht verstanden, warum dieser Kolumbus sein Heimatland verlassen hat. Bildung und Kunst sind nicht so wichtig – ich entscheide was mich unterhält. Alle anderen sind faul. Wieso kriegen andere überhaupt irgendwas von meinen Steuern und Beiträgen ab? Ich will mitentscheiden! Was ist dieses Soziale überhaupt? Ich verschmutze die Umwelt doch gar nicht und putze jede Woche mein Treppenhaus.

Mit dieser Haltung und mit der übertriebenen Darstellung dieser Haltung kommen wir aber nicht weiter. Weder ist der Bürger, noch der politisch oder wirtschaftlich Agierende unfähig. Sie müssen jedoch wieder aufeinander zugehen und ihre Aufgaben verstehen, besser wahrnehmen und kommunizieren. Wir dürfen uns auch einmal gegenseitig unterstützen, denn die Demokratie ist ein Gemeinschaftskonstrukt.

 

Jeder gesunde Mensch auf diesem Planeten hat die Möglichkeit, Dinge zu beeinflussen, sich selbst physisch und geistig zu bewegen. Er kann mobilisieren und Veränderungen hervorrufen, und er kann seine Stimme einsetzen. Mitmachen ist gefragt. Demokratie verlangt nach Beteiligung. Das Haus verlassen. Lernen.

Jeder Regierung hat die Möglichkeit, die Befähigung ihrer Bürger zu beeinflussen, sie physisch und geistig beweglich zu halten. Sie zu motivieren und zusammen mit ihnen Veränderungen zu gestalten. Jeder Staat kann seinen Bürgern eine Stimme geben. Bürgerbeteiligung ist gefragt. Demokratie verlangt nach Befähigung. Bildungsmöglichkeiten, Neuorientierung, Mobilität um neue Orte aufzusuchen. Auch die Zukunft.

 

Wenn steigende Komplexität den Zugang zur Mitarbeit zunehmend erschwert, eine größer werdende Grenze schafft, dann ist die Demokratie wirklich daran, sich zu einem Selbstzweck zu entwickeln. Wenn der Einzelmensch nicht befähig wird, seine Umwelt zu verstehen, dann trennt sich in unserer globalen modernen Welt alles Politische von seinen Nutzniesser und Vollmachtgebenden. Wie im Universum driften dann dann die einzelnen Systeme immer weiter auseinander. Teile davon sind sichtbar, denn mancher Bürger will heute schon aufhören zu bürgen. Es wäre ein schleichendes Ende. Doch die Forderung mancher Protestwähler mündet ebenso in der Auflösung des funktionierenden Staatsapparates. Wird die beliebige Meinung der Masse ungeprüft repräsentiert, verlieren wir jeglichen Realismus, jede Fähigkeit zur Weiterentwicklung der Weltgemeinschaft. Die Demokratie kann sich dann gleich den Trollen hingeben und diese wählen. Wir brauchen wieder mehr befähigte Bürger, die Ihre Aufgaben verantwortlich wahrnehmen und ganz genau verstehen, für was sie einstehen. Wir brauchen mehr politische Persönlichkeiten, die als Vorbild dienen und die mit motivierenden Zukunftsvisionen zur Mitarbeit aufrufen.

Wann gibt es endlich eine auf individuelle Bildung und Befähigung ausgerichtete Politik?

Nein, die Demokratie ist kein Selbstmörder. Ein inaktiver Staat und unbewegliche Bürger werfen die sie jedoch den vertriebenen Wutwölfen zum Fraß vor. Bremsende Stillstandspolitik und fehlende Veränderungsbereitschaft oder Entwicklungsmöglichkeiten sind die Ursache – eine gut kommunizierte Zukunftsstrategie, eine Integrationspolitik, auch für die eigenen Bürger und eine Politik der Bildung und des Ermöglichens sind das Gegenmittel.

Nicht auf Tauchfahrt gehen. Mut haben. Fortschritt wagen. Mitmachen. Go.

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