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Aufruf zur Verzögerung

28. February 2017

Wir verstehen uns nicht. Selbst wenn wir das Gleiche sehen, siehst Du etwas anderes. Selbst wenn wir wirklich das Gleiche sehen, sieht Du etwas anders. Heinz von Förster hat das in etwas so beschrieben: Nur wenn ein intensives Bestätigungsverfahren verwendet wird, kann man sicherstellen, dass Sprecher und Hörer, Sender und Empfänger vom gleichen sprechen. Erst durch zusätzliche Kommunikation kann man wiederum die inhaltliche Interpretation des Verstandenen miteinander abgleichen. Es geht um zuhören und verstehen.

Kein Wunder, dass es bei der Vorstellung von wissenschaftlichen Arbeiten, von Gesetzesentwürfen oder Wahlkampagnen immer wieder zu Missverständnissen kommt. Wir kommunizieren meistens in eine Richtung. FakeNews? Es ist wohl sehr oft einfach auch die persönliche Interpretation von Gelesenem, Gehörten, Gesehenem, warum sich Deine Meinung von meiner unterscheiden kann. Die sich daraus ergebenden Probleme kennen wir daher nicht erst seit dem Internet. Miteinander zu kommunizieren ist Arbeit.

Haben nun tausende “Sender” die Möglichkeit, Informationen zu übermitteln, nimmt der Aufwand diese zu dechiffrieren, zu analysieren und verarbeiten, mit eigenen Informationen zu antworten mit der Anzahl der Beteiligten zu. Aus einigen wenigen anerkannten Sendern (und der nur rudimentären Funktion der Antwort mittels Leserbrief) wurden durch die Vernetzung eine unkontrollierte Menge von Teilnehmern. Alle senden gleichzeitig: Wir haben das Zeitalter der dauerhaften Netzkollision erreicht.

In der Netzwerktechnik bedeutet die “Collision” der Zustand, wo mehr als ein Sender gleichzeitig versuchen, Informationen zu kommunizieren. Die Informationshäppchen der verschiedenen Sender würden sich überlagern und im Ergebnis wäre die Kommunikation gestört oder gar unmöglich. Die Lösung ist dort, dass alle Sender für eine zufällig lange Zeitspanne warten, in der Hoffnung, dass der nächste Versuch gelingt. Hören die Sender, dass die Leitung belegt ist, jemand also sendet, warten sie bis zur nächsten Pause, bevor sie selbst in Aktion treten. Ab einer Auslastung von 30%-50%, ist ein Kommunikationskanal aber immer weniger nutzbar. Es fehlt dann an genügend Zeit und Raum zum Warten und Zuhören.

Was kann man nun tun, um die “Ausbeute” der Kommunikation, d.h. die Chance, dass auch inhaltlich ankommt, was gesendet wurde, zu erhöhen, auch wenn immer mehr Teilnehmer verbunden sind? Bei der zwischenmenschlichen Kommunikation sind wir auf die festgelegte Anzahl von Kommunikationskanälen festgelegt und können nicht einfach ein zweites Kabel ziehen. Ohren, Augen und die weiteren Sinne als Empfänger, Mund, Gestik oder aufgezeichnete Inhalte als Sender können ohne zukünftig Hirn-Computer-Schnittstellen nicht erweitert werden.

In der Netzwerk-Topologie gibt es einen Trick, wenn die Bandbreite nicht ausreicht – das Einführung von Zonen und immer kleiner werdenden Segmenten. Hier wird dann genau ausgewählt, wer mit wem in Kontakt treten können muss und die Gruppierungen schotten sich dann gegen die Aussenstehenden mit einer Netzwerktrennung ab. Nicht anderes erleben wir in den immer häufiger auftretenden Bubbles, wo eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Interessen sich zusammenschliessen und sich gegen Informationen von aussen abgrenzen. Diese Segmentierung der Kommunikation resultiert unweigerlich in der Auflösung der sozialen Gesellschaft, der Fähigkeit zu demokratischen Kompromissen und der Verunmöglichung einer Weiterentwicklung hin auf ein gemeinsames Ziel. Nach kurzer Zeit verstehen wir uns nicht mehr, selbst wenn wir miteinander reden. Wir brauchen Kommunikations-Brücken. Es muss, wie bei allen Unterteilungen, weiterhin die Aufgabe wahrgenommen werden, die einzelnen Einheiten miteinander abzugleichen, für alle verständlich aufbereitete Inhalte bereit gestellt werden. Der Einsatz hierfür ist Zeit. Verzögerung gegen Bedeutungsgewinn und Verständlichkeit.

Nur in kleineren Unternehmungen kann die Fülle der Tätigkeiten und Kommunikation ohne steuernde Hierarchie erfolgreich bleiben. Die Verbindung von “Abgeteilten” ist eine der wichtigsten Herausforderungen, wenn die Aufgaben und die Anzahl der Mitmachenden anwächst. Nenne diese Institutionen GateKeeper, Diplomaten, Verwalter, Manager, Evangelisten, Leithammel oder Politiker – wir müssen begreifen: ungezügeltes Wesen und Kommunikation hat nichts mit Freiheit zu tun, sondern ist Diffusion der Werte, der Gemeinschaft, der Handlungsfähigkeit.

Wie Stand so schön in einer Beschreibung einer Vernissage: “Ohne Grenzen gibt es keine Kunst”. Ich gehe weiter: Ohne Grenzen verstehen wir nichts mehr. Mit zu vielen Grenzen nur noch uns selbst. Als Gesellschaft brauchen wir die Bereitschaft, flexibel zu bleiben, wir müssen Werte und Handlungen immer wieder adaptieren zu können, Gemeinsamkeiten entdecken, Unterschiede in Kompromissen lösen können. Das Internet ist nur ein weiteres Kommunikationswerkzeug – sich zu verstehen, sich zuzuhören war schon immer mit Mühe, Mut und Wollen verbunden.

 

Erst durch den anderen werden doch die eigenen Annahmen überhaupt bedeutungsvoll, gewinnt das Gesprochene einen Sinn und eine Lebendigkeit, erfährt man, welche Konsequenzen sich aus den seltsamen Grunz- und Zischlauten, die ich gerade eben produziert haben, ergeben. Erst wenn ich dem anderen sehr genau zuhöre, verstehe ich, ob ich verstanden worden bin. Aus dem Interesse am Rechthaben wird der Versuch, zuzuhören und zu verstehen.

Erst aus dem Mund des anderen höre ich ja, was ich eigentlich gesagt habe, und sehe mich selbst mit den Augen des anderen. Es ist, so behaupte ich, der Hörer, nicht der Sprecher, der die Bedeutung einer Aussage bestimmt. Als ich diese Idee einmal mit viel Pomp auf einem Kongress präsentierte, saß ein guter Freund von mir im Publikum. “Das ist doch Unsinn!”, rief er. “Sehen Sie”, sagte ich, “der Hörer bestimmt die Bedeutung einer Aussage.” Alles hat gelacht.

Heinz von Foerster (Interview mit Bernhard Pörksen)

 

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